Kolumne

Allendorf diese Woche

Gedenken an die Pogromnacht 9./10. November 1938
Am Mittwochabend gedachten Allendorfer Bürger mit der Bürgermeisterin und Vertretern der öffentlichen Gremien der Pogromnacht am 9./ 10. November 1938.
Der Gedenkstunde in der ev. Kirche  gab Brigitte Heilmann, Vorsitzende des städtischen Ausschusses für Sport und Kultur, das Motto mit einem Zitat von Primo Levi, der die Hölle von Auschwitz überlebte, vor: „Es ist geschehen, folglich kann es wieder geschehen, darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben“.
Grundlage für die Gedanken zu dieser Gedenkstunde war aber auch der Artikel 1 des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ und vor allem der 2. Absatz dieses Artikels: „Das deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlicher Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt“.
Vor 78 Jahren brannten in Deutschland Synagogen, Geschäfte und Wohnungen deutscher Bürger jüdischen Glaubens, wurden zerstört und geplündert, Männer, Frauen und Kinder wurden an zentralen Plätzen zusammengetrieben, gedemütigt und geschlagen. Sie wurden in Gefängnisse und deutsche Konzentrationslager gebracht, misshandelt und gefoltert. Das alles geschah unter den Augen der Öffentlichkeit. Der vermeintliche „Volkszorn“, vom Naziregime und deren Anhängern gezielt gelenkt und sowohl propagandistisch als auch taktisch vorbereitet, fand seinen Ausfluss in roher Gewalt gegen eine unschuldige Minderheit. Angst vor den Folgen verhinderte bei denen, die dieses brutale Vorgehen gegen ihre Mitbürger missbilligten, ein beherztes Eingreifen.
Am Ende dieser Entwicklung stand im Mai 1945 die unfassbare Zahl von 5 Millionen ermordeter europäischer Juden.
Nach dem Vortrag des Gedichtes “Kaddisch“ von Mascha Kaleko wurde für die Seelen der erniedrigten und ermordeten Juden ein Licht angezündet und die Namen der damals in Allendorf wohnenden jüdischen Familien vorgelesen.
Warum, so hört man immer wieder Stimmen aus der Bevölkerung, hört ihr nicht auf, an diese schreckliche Zeit zu erinnern. Es sei doch irgendwann mal genug und anderswo sei auch Grausames passiert. Die Antwort auf solche durchaus berechtigte Aussagen liegt in dem anfang genannten Zitat von Primo Levi. Gerade weil es passiert ist, kann es sich wiederholen.
An Tagen wie diesen sind wir es, die Generationen ohne Schuld, die dafür sorgen müssen, dass sich solche Gräueltaten nicht mehr wiederholen können. Das Erinnern und Nachdenken soll uns befähigen, Gefahren frühzeitig zu erkennen, genau hinzuschauen, uns rechtzeitig einzumischen, nicht auf populistische Schwarz-Weiß-Malerei und Einfachstlösungen zu hören, um von vorn herein Schlimmeres zu verhindern.
Keimt nicht schon in dem Wutgeschrei einer Minderheit „WIR sind das Volk“ Menschenverachtung auf? Wer, so muss man fragen dürfen, gehört denn nicht zum Volk? Wer, so können wir weiter fragen, wird denn bei solchen Sprüchen von der „Volksgemeinschaft“ ausgeschlossen? Die Wut von Bürgerinnen und Bürgern ernstnehmen ist eine Sache, aber sich völkischen Sprüchen entgegenzustellen und sie als inakzeptabel zu brandmarken, die Pflicht eines jeden humanistisch, liberal denkenden Menschen.
Menschlichkeit, die mit einer Gedenkfeier wie dieser eingefordert wird, bedeutet Anteilnahme, die Fähigkeit und Bereitschaft mit den Augen der anderen, der Schwächeren und der Fremden zu sehen.

Menschlichkeit bedeutet, hinzuschauen, einzugreifen, wenn die Würde des Menschen in Wort und Tat verletzt wird. Davon lebt jede Zivilisation, Kultur und Demokratie.
So gesehen ist Erinnerungskultur ein Teil unseres demokratischen Selbstverständnisses, damit wir Zukunft gestalten können, wie es Artikel 1 unseres Grundgesetzes vorgibt, damit in unserer Gesellschaft, in unserer Stadt Werte wie Menschlichkeit, Anständigkeit, Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern, den Religionen und Konfessionen, der sexuellen Orientierung, 

die Freiheit des Denkens und Sagens, Nächstenliebe und die Wertschätzung des Menschen, der uns gegenübersteht, ihren unumstößlichen Platz haben.
Deshalb gedenken wir dieser Nacht vor 78 Jahren, weil wir eben nicht wollen, dass sich so etwas auch nur in den kleinsten Ansätzen bei uns wiederholt.
Der Gedenkstunde in der evangelischen Kirche schloss sich ein Mahngang zum Rosenplatz an. Dort wurden – wie es auf jüdischen Friedhöfen der Brauch ist – auf den Stelen mit den Namen der ermordeten jüdischen Allendorfer Steine gelegt.
Brigitte Heilmann