Presseberichte

Erinnern schützt Gedenkstunde Redebeitrag

Unsere Vorsitzende Brigitte Heilmann hat am 9.11.2019 in einer Rede während einer Gedenkstunde zur Erinnerung an den Pogrom 9./10. November 1938 nicht nur an die Gräueltaten der Nazis in der Vergangenheit erinnert, sondern auch vor den Gefahren von Rechts in der Gegenwart gewarnt.

Im Nachfolgenden können Sie die Original Rede nachlesen.

Viel Spaß dabei.

Sehr geehrte Damen,
sehr geehrte Herren
liebe Freundinnen,
liebe Freunde!

Sie/Ihr seid heute der Einladung zu einer Gedenkstunde anlässlich der Pogromnacht vom 9./ 10. November 1938 gefolgt, die das Motto trägt:
„Erinnern schützt“

Im ersten Teil meines Redebeitrages werde ich an die Ereignisse vor 81 Jahren erinnern, dann wird ein Kapitel aus dem Jugendbuch“Damals war es Friedrich“ gelesen und danach möchte ich gerne darauf eingehen, wovor uns das Erinnern heute schützen kann.

Was erinnern wir??
In der Nacht vom 9. auf den 10. November gingen in Deutschland mehr als 1400 Synagogen in Flammen auf. Tausende jüdische Geschäfte, Betriebe und Wohnungen wurden ausgeraubt und zerstört. Der gängigen Zählung zufolge wurden im Laufe des Pogroms 91 Juden ermordet. In den darauffolgenden Tagen wurden etwa 30 000 jüdische Männer von der deutschen Polizei verhaftet und in die Konzentrationslager Dachau, Sachsenhausen und Buchenwald gebracht. Hunderte von jüdischen Gefangenen kehrten nicht aus diesen Lagern zurück.
Der Pogrom zeichnet den Abschluss einer Politik der Diskriminierung, Isolation und Ausgrenzung deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens seit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933.
Schon im November 1933 brüstete man sich zum Beispiel in Allendorf mit einem Plakat, das den ersten judenfreien Nikelsmarkt ankündigte. Bei dem also auch die in Allendorf ansässigen jüdischen Viehhändler nicht mehr ihren Geschäften nachgehen durften. In ganz Deutschland sind der Aufruf zum Boykott jüdischer Geschäfte, die Nürnberger Rassegesetze ,die Entlassung von Beamten jüdischen Glaubens aus dem Staatsdienst,das Verbot jüdischer Kinder und Jugendlicher zur Teilnahme am Unterricht an öffentlichen Schulen Beispiele für die Entrechtung der deutschen Juden in dieser Phase.
Mit dem Pogrom beginnt eine brutalere Politik der Vertreibung und erzwungenen Emigration. Man muss einen Wendepunkte aber auch darin sehen, dass sich die staatlich gelenkten und lange vorbereiteten Aktionen im November 1938 und danach in aller Öffentlichkeit abspielten. Sie waren
ein Test, wie weit die Nazischergen gehen konnten, ohne dass es zu einem Aufstand der „anständigen“ Bevölkerung kommen würde. Es kam zu keinem Aufstand, wie wir alle wissen – nirgendwo. Das deutsche Volk – auch die Allendorfer Bevölkerung – wurden Zeugen, wie Menschenrechte und Menschenwürde im wahrsten Sinne des Wortes mit Füßen getreten wurden. Unter den Gaffern damals waren jubelnde und johlende Mittäterinnen und Mittäter, andere haben schweigend oder gleichgültig hingenommen, was geschah. Kaum jemand wagte noch, seinen Unmut, sein Entsetzen öffentlich zum Ausdruck zu bringen. Die politische Opposition war längst in den Gefängnissen und Konzentrationslagern verschwunden oder sie befanden sich in der äußeren oder inneren Emigration.

In Allendorf hat man am Vormittag des 10. Novembers unter den Augen der Bevölkerung und dem Jubel der Nazianhänger Gerätschaften aus der bereits verkauften Synagoge auf dem Sportplatz verbrannt. Keiner konnte und wollte eingreifen. Mir ist bis heute unerklärlich, wie die christliche Bevölkerung in ihrem normalen Alltag weiterleben konnte, wenn sie erlebten, wie ihre ehemaligen Nachbarn schutzlos dem braunen Pöbel ausgeliefert waren. Wie man beispielsweise ruhig blieb, als die gesamte Fotoausrüstung eines Allendorfer Bürgers jüdischen Glaubens mutwillig zerstört wurde, so dass er seiner Existenzgrundlage für ein neues Leben außerhalb Nazideutschlands beraubt war.
Wie konnte man sich wohlfühlen in Häusern und Wohnungen, aus denen die ehemaligen Nachbarn vertrieben wurden, mit Mobilar, Teppichen, Kunstgegenständen, in Schmuck und Kleidung von Mitbürger*innen jüdischen Glaubens, die diese in ihrer Not für „Appel und Ei“ verkaufen oder zurücklassen mussten?
Das Unrecht geschah vor aller Augen, bis zur Deportation der letzten Allendorfer Juden am 14. September 1942. Dann war jüdisches Leben in
Allendorf erloschen – da war dann nicht mehr nur der Allendorfer Nikelsmarkt judenfrei. Und jahrzehntelang legte sich ein Mantel des Schweigens über das unglaubliche Geschehen in Deutschland und im Lumdatal.

Was für eine Schande, wenn man von der nachfolgenden Generation den Vorwurf ertragen muss: Warum habt ihr das zugelassen?
Wie konnte im aufgeklärten Deutschland und Europa, im Land der Dichter und Denker ein solcher Zivilisationsbruch passieren? Wie konnten Orte unvorstellbaren Grauens und Menschenverachtung wie Auschwitz, Treblinka, Majdanik möglich werden? Wie konnten mit den Kzs Ravensbrück,Dachau,Buchenwald und Sachsenhausen Orte brutalster
Verbrechen und Entmenschlichung Realität werden?
Immer wenn ich in diesen Abgrund schaue, stellen sich mir viele Fragen:
Wie war so etwas möglich? Wie können Menschen anderen all das antun, was damals geschehen ist? Was kann ich, was können wir tun, dass uns unsere Kinder und Enkel niemals fragen: Warum habt ihr das zugelassen?

Ich halte hier mit meinen Gedanken inne und lasse Lars Happel zu Wort kommen, der uns ein Kapitel aus dem Jugenbuch „Damals war es Friedrich“ vorliest.
Hans Peter Richter erzählt in diesem 1974 erstmals erschienenen Jugendbuch die Geschichte zweier gleichaltriger Jungen, die mit ihren Familien in einem Haus in einer deutschten Großstadt leben. Friedrich, sein Vater und seine Mutter sind Deutsche jüdischen Glaubens. Die Geschichte der beiden Jungen beschreibt die Zeit zwischen 1925 bis 1942. Einfühlsam und sehr realitätsnah erzählt der Autor wie Friedrichs Familie immer mehr ausgegrenzt wird und wie schwierig es war, die Freundschaft zwischen den beiden Familien zu erhalten. Die Familie des Ich Erzählers scheint dem Zwang der Zeit ausgeliefert zu sein. Die heile Kinderwelt der beiden Jungen gleitet in das unfassbare Dunkel und Grauen der nationalsozialistischen Diktatur.

BREAK Lars Happel liest das Kapitel: Der Pogrom

Das Kapitel: Der Pogrom hat uns das Geschehen von damals aus einer anderen fiktiven Perspektive erzählt.
Der Jugendroman „Damals war es Friedrich“ wurde vor mehr als 50 Jahre
geschrieben, er erschien 2019 in der 50sten Auflage.

Auf der ersten leeren Seite des Buches ist folgendes zu lesen:
Damals waren es die Juden….
Heute sind es dort die Schwarzen,
hier die Studenten….
Morgen werden es vielleicht die Weißen,
die Christen oder die Beamten sein….

Was, so frage ich mich, würde er heute auf diese Seite schreiben??
Sind es heute schon wieder die Juden?
Oder die Flüchtlinge, die Asylsuchenden?
Oder die Journalisten und Journalistinnen,
die Politiker und Politikerinnen?
Die Schwulen oder die Lesben?

Das Motto unserer Gedenkstunde ist „Erinnern schützt“.
Vor was, vor wem soll uns das Erinnern schützen? Ist doch alles schon so lange her!! Sollten wir es nicht endlich mal auf sich beruhen lassen?

Wir leben in einer Zeit, in der viele Menschen durch die sich rasant verändernde Welt, verunsichert und verängstigt sind. Nichts scheint ihnen mehr Sicherheit zu versprechen, nichts scheint wirklich verlässlich, der erreichte Wohlstand, so will es manchen vorkommen, scheint in Gefahr.
Realistisch gesehen leben wir aber in einem vorher nie gekannten Wohlstand, unser Land gehört zu den reichsten und sichersten der Welt, die Grund – und Freiheitsrechte sind gesetzlich garantiert. Das Gesundheitswesen gehört zu den besten der Welt. Die Altersversorgung ist sicher noch nicht optimal, aber sie war noch nie so gut wie heute. Es gibt eigentlich keinen Grund miese Stimmung zu verbreiten. Es gibt auf jeden Fall noch Probleme, die gelöst werden müssen. Und es gibt Verängstigungen und Verunsicherung, die sollte man nicht als Hirngespinste abtun und die sollte man ernst nehmen.

Aber diese pessimistische Stimmung einiger nutzen Populisten aus, schließlich wollen sie die Macht in unserem Staat. In der Regel verbreiten sie keine Zuversicht, dass Menschen Lösungen finden, sondern nutzen diese Stimmungslage aus und heizen sie weiter an . Oder sie präsentieren für einen komplexen Zusammenhang einfache Lösungen , indem sie auf die angeblichen Schuldigen zeigen und Sündenböcke suchen. Die Wut und die Unsicherheit der Menschen wird kanalisiert , indem man sie auf andere
überträgt. Andere – in der Regel Minderheiten – werden für Probleme verantwortlich gemacht. Das war in der Weimarer Republik so und der Mechanismus funktioniert auch heute. Ein probates Mittel hierfür sind das Befördern und Verbreiten von Vorurteilen:
Hier einige Beispiele:
Alle Juden sind reich und wollen die Welt beherrschen Ein jahrhundertealtes nicht auszurottendes antisemitisches Stereotyp.
Die Presse lügt – Lügenpresse
Die Flüchtlinge und Asylsuchenden beuten unseren Sozialstaat aus
Politiker sind korrupt. Wissenschaftler gekauft und systemimmanent.
Fremde sorgen für die Umvolkung Deutschlands
Muslime sind gewalttätig und schlagen ihre Frauen

Massenweise werden diese unwahren, unzulässigen und falschen Aussagen in vielen Variationen vor allem in den digitalen Medien verbreitet und geglaubt,oft mit FakeNews untermauert.
Und da gibt es die Brandstifter in der AfD, die hier kräftig mitmischen und die Vorwürfe von empörten Demokraten und Demokratinnen immer wieder weit von sich weisen, wenn man ihnen eine Mitschuld an der zum Teil aufgeheizten Stimmung, an der Verbreitung von Hass, der Verrohung der Sprache und dem respektlosen Umgang mit Andersdenkenden und Fremden vorwirft.
Wenn aber Herr Gauland den menschenverachtenden Terror der Nazidiktatur von 1933 bis 1945 als einen „Vogelschiss“ bezeichnet, Herr
Höcke, den ich hier öffentlich als Faschisten bezeichnen darf, zum Umbau der Demokratie aufruft und das Holocaustmahnmal in Berlin als (überflüssiges ) Schandmal bezeichnet, wenn Frau Weidel Flüchtlinge und Asylsuchende pauschal als Messerstecher und Kopftuchmädchen bezeichnet, dann bieten sie eben einen Nährboden, der auch Legitimation zur Anwendung von Gewalt sein kann. „Da beißt die Maus keinen Faden ab“ und da hilft es auch nicht, heuchlerische Unschuld vorzutäuschen.
Wir können , wenn wir uns an die Verbrechen während der Hitlerdiktatur
erinnern, nicht so tun, als gingen uns die Ereignisse in diesem Jahr nichts an.
Freilich sind unser staatlichen Organe und Gremien heute nicht die aktiven Täter, die Gewalt und Terror forcieren und sanktionieren. Und selbstverständlich leben wir nicht in den sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen in der Weimarer Republik. Die Mehrheit unserer Bevölkerung bekennt sich zur Demokratie.
Aber heißt es nicht: Wehret den Anfängen?
Da wird am 2. Juni dieses Jahres der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübke von einem Rechtsextremisten ermordet. Lübkes Verbrechen
in Augen seines Mörders: Er hatte sich für Menschlichkeit gegenüber Asylsuchenden ausgesprochen und Leuten, denen das nicht gefällt, freigestellt, das Land zu verlassen.
In Halle versuchte eine rechtsextremer Täter an Jom Kippur die Synagoge zu stürmen, um unter den 50 Gottesdienstbesuchern am Versöhnungstag ein Massaker anzurichten. Als dies nicht gelang, erschoss er eine Frau und einen Mann. Die Reaktionen eines AfD Politikers namens Brandner, noch Vorsitzender des Rechtsausschusses des Deutschen Bundestages in Berlin. Er konnte nicht verstehen, warum Bürger*innen nach dem Anschlag mahnend vor Synagogen und Moscheen „ herumlungern“, wo doch zwei Deutsche ums Leben gekommen seien. Was will ein solcher „Volksvertreter“ mit einem solchen Post, den er inzwischen gelöscht hat, eigentlich sagen? Der Anschlag galt 50 Menschen jüdischen Glaubens – das waren doch größtenteils Deutsche. Oder ist es Herrn Brandner entgangen, dass die Angehörigen der jüdischen Gemeinden in Deutschland die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. Sollen wir neben der Trauer um die unschuldigen Todesopfer von Halle, nicht an jene denken, denen der Anschlag eigentlich gegolten hat? Oder ist es in Augen dieses AfD Politikers gar weniger schlimm, wenn Menschen ohne deutschen Pass Opfer rechter Gewalt werden. Welch Geistes Kind sind Sie denn, Herr Brandner, will man da fragen.
Tatsache ist auch, dass laut Polizei und Staatsschutz im ersten Halbjahr 2019 bereits 8.600 rechtsextreme Stafttaten zur Anzeige gekommen sind, das sind 900 mehr als im vergangenen Jahr.
Ich finde, wenn man sich all das vergegenwärtigt, dann wird es höchste Zeit, dass die „ Anständigen“ lauter werden, denn die Zeit des Verharmlosens und Schönredens ist vorbei. Die Opfer rechtsextremer Gewalt sind ja keineswegs nur Juden. Sie haben auch andere im Visier: Ausländer, Asylsuchende, Politker, Journalisten. In rechtsextremen Gruppen gibt es bereits Listen von Menschen, die sozusagen zum Abschuss freigegeben werden.
Wenn Erinnern schützt, dann heißt das hier und heute für alle aufrechten Demokratinnen und Demokraten überall da deutlich und klar Haltung zu zeigen, wo andere Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Religion, ihrer
politischen Meinung oder ihrer sexuellen Orientierung ausgegrenzt, beleidigt oder diskriminiert werden. Wenn 81 Jahre nach dem Novemberpogrom von 1938 und dem 6millionenfachen Mord an deutschen und europäischen Juden in Deutschland der Antisemitismus wieder zunimmt, in jüdischen Einrichtungen die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt werden müssen, wenn „Du Jude“ auf dem Schulhof ein Schimpfwort ist, wenn 82% von jungen Jüdinnen und Juden, nach einer Umfrage der Jüdischen Allgemeinen Zeitung negative Erfahrungen mit antisemitischen Bemerkungen und Taten machen mussten, wenn jeder 4. Schulabgänger mit dem Ort Auschwitz nichts verbindet, dann ist in unserem Land in Sachen Bildung und Aufklärung einiges falsch gelaufen. Und es wird deutlich, wie wichtig dasErinnern und Mahnen sind. Wenn die Mehrheit unserer Gesellschaft schweigend wegschaut oder verharmlosend mitträgt, dass die Würde von Menschen durch respektloses Reden und Handeln on- und offline mit Füßen getreten wird, dann können die Feinde unserer freiheitlichen Demokratie und der durch unser Grundgesetz garantierten Rechtssstaatlichkeit triumphieren…. Und gerade davor soll uns Erinnern schützen.
Ja, Erinnern schützt uns davor, den populistischen Rattenfängern auf den Leim zu gehen, aber die Gegenwart fordert uns , und das muss an einem Erinnerungstag wie heute deutlich gesagt werden, vor allem zum Handeln auf.
Damit in Zukunft niemand irgendwann den Vorwurf erheben kann. Warum habt ihr das zugelassen ????

Brigitte Heilmann
9. November 2019