Presseberichte

Gedenken an die Pogromnacht am 9. November 1938

Mahngang am Montag, dem 9. November 2020, um 17.00 Uhr

Treffpunkt: Vor der ev. Kirche in Allendorf

Alle Hygienevorschriften werden eingehalten : Maskenpflicht und Abstand
Warum wir trotz Corona an die Pogromnacht erinnern wollen:
Wir erinnern an die Pogromnacht am 9. November 1938 in Allendorf, in
Deutschland, in der Synagogen brannten, jüdische Wohnungen und Läden und
deren Einrichtungen zerstört wurden und tausende Deutsche jüdischen
Glaubens verhaftet, gefoltert und misshandelt wurden. Wir wissen, dass dieser
Pogrom für die nationalsozialistischen Machthaber und deren willfährigen
Helferinnen und Helfer der Testlauf war, für die bis 1945 beispiellosen
Verbrechen an europäischen Jüdinnen und Juden und dass am Ende die
unvorstellbare Zahl von 6 Millionen ermordeter jüdischer Frauen, Männer und
Kinder stand. Verbrechen , die durch nichts wieder gut zu machen sind.
Ich höre schon die Stimmen – auch in Allendorf – die meinen: Können die nicht
endlich Ruhe geben? Ist doch alles längst Vergangenheit! Wir haben zur Zeit
doch ganz andere Sorgen !

Ja, die Zeiten sind ernst, das Virus zwingt uns zu Maßnahmen, die unser
Alltagsleben beschweren, die Ängste verursachen und soziales Leben extrem
einschränken. Viele sind besorgt, wie sich die Pandemie auf ihre berufliche und
wirtschaftliche Existenz in Zukunft auswirken wird.

ABER:
Auch das ist die Wirklichkeit. Im letzten Jahr war der Schock und die
Empörung innerhalb der Bevölkerung nach dem Anschlag in Halle groß,
verschiedene gewaltsame Anschläge in Berlin und vor wenigen Wochen in
Hamburg finden wir in den Schlagzeilen. Die offiziellen Zahlen sind da wenig
ermutigend. Im vergangenen Jahr registrierte die Polizei mehr als 2000
antisemitische Straftaten, das ist eine Rekordzahl in den letzten 20 Jahren.
Neben den schlimmen antisemitischen Vorfällen, sind es aber die kleinen
Ausgrenzungen, die viele Jüdinnen und Juden in Deutschland erleben.
Warum, so frage ich mich, wird aber gerade jetzt Antisemitismus wieder
zunehmend lauter? Dass er , wie in anderen Ländern, auch in Deutschland nie
verschwunden war, ist kein Geheimnis. Haben wir ihn in den letzten
Jahrzehnten vielleicht doch verharmlost, so wie wir dem Rechtsextremismus
lange Zeit weniger Aufmerksamkeit geschenkt haben als dem Terrorismus von
der extremen Linken?
Warum glauben gerade jetzt in der Krise Menschen kruden
Verschwörungsmythen, die im Internet kursieren und die Juden als
Verursacher des Virus sehen?

Wie kann es sein, dass Menschen auf Corona-Demos den gelben „Judenstern“
ans Revers heften? Dies ist mehr als eine widerliche Instrumentalisierung der
jüdischen Opfer der Nazizeit. Thomas Hallwang, Präsident des Bundesamtes
für Verfassungsschutz äußert sich in der Jüdischen Allgemeinen zu diesem
Thema. Er sagt u.a., dass es bezeichnend sei, „dass rechtsextremistische
Agitatoren die aktuelle Krise in den uralten Mythos der jüdischen
Weltverschwörung einbetten“ würden. Auch sei, so Hallwang weiter
„Antisemitismus nicht einfach eine quantifizierbare Summe von Straftaten“
Antisemitismus sei eine „ eine menschenfeindliche Weltanschauung … und „
sein Irrationalismus lastet seit Jahrhunderten als dunkler Schatten auf der
europäischen Kulturgeschichte“. Dieser dunkle Schatten der christlichen
Judenfeindlichkeit und des rassistischen Antisemitismus führte schließlich zu
dem Ereignis, an das wir heute erinnern und 6 Millionen ermordeter Jüdinnen
und Juden.
Im Wissen um diese Verbrechen, darf es uns heute keine Ruhe lassen, wenn 75
Jahre nach der Shoah Judenhass in unserem Land verbreitet wird.

Die Antwort auf die Frage:
Warum gebt ihr nicht endlich Ruhe, ist doch alles Vergangenheit, kann deshalb
nur lauten:
Wir erinnern und mahnen:
weil es Menschen gibt, die immer noch keine Lehren aus der Geschichte
gezogen haben,
weil Antisemitismus in unserem Land wieder salonfähig zu werden scheint,
weil Antisemitismus eine Gefahr für unsere Demokratie darstellt.
Deshalb ist Erinnern und Mahnen, gepaart mit Aufklärung und Wissen,
wichtig. Ohne Wenn und Aber.

Brigitte Heilmann.