Presseberichte

Rede beim Neujahresempfang am 07.02.2020

Am 2. März 1370 wurde Allendorf/ Lumda durch Landgraf Heinrich II. die Stadtrechte verbunden mit einem Marktrecht verliehen. Dies was eine Investition in die spätmittelalterliche
Infrastruktur der Gegend um Allendorf, die vor allem aber der Festigung und Erweiterung der landgräflichen Macht dienen sollte.
Auf dem diesjährigen Neujahrsempfang der Stadt Allendorf hielt unsere Vorsitzende Brigitte Heilmann aus diesem Anlass einen kurzen Vortrag zu diesem 650jährigen Jubiläum,
den wir hier abdrucken möchten.

Liebe Gäste,
in diesem Jahr feiern wir in Allendorf das 650jährige Jubiläum der Verleihung
der Stadtrechte durch den Landgrafen Heinrich II.
Grund genug, fand ich, zu Beginn des Jahres einen Blick auf das Leben der
Menschen, die an diesem Neujahrstag in Allendorf lebten, zu werfen.
Wie erlebten sie diesen neuen Tag des Jahres 1370 , was waren ihre
Sorgen. Selbstverständlich gibt es darüber keine Aufzeichnungen, bis in die
neue Zeit war Geschichtsschreibung vor allem das Berichten über das Leben
und die Taten und Untaten der herrschenden Schichten.
Deshalb werde ich Sie jetzt auch nicht mit Zahlen, Namen oder Ähnlichem
belästigen ,sondern ich mache mir Gedanken über die Lebensumstände der
Menschen in Allendorf vor 650 Jahren.
Ich stelle mir vor, dass Allendorf in tiefem Schnee lag, es war eisig kalt, die
Allendorfer froren, deshalb saßen sie auch mit Kind und Kegel in der Nähe der
einzigen offenen Feuerstelle des Hauses oder der Hütte. Sie hatten ihre Tiere
versorgt, ihre Morgenmilch, Mehlbrei oder Getreidegrütze und Brot
zu sich genommen. Die Gesunden und Kräftigen planten vielleicht einen
Kirchgang. Alle hatten, falls sie es taten, in ihrem Morgengebet die
Hoffnung ausgedrückt, dass der Winter nicht zu hart werde und alle Vorräte
ausreichen würden.
Mit ziemlicher Sicherheit dachten sie nicht an den obersten Herrn im Reich,
Kaiser Karl IV. und ob sich ihre Gespräche um den Landgrafen
Heinrich II. drehten, der in Marburg residierte, und der vor fünf Jahren
beschlossen hatte, den Ort zu einer Stadt auszubauen, wage ich zu bezweifeln.
Die Allendorfer hatten mit Sicherheit andere Sorgen.
Sie werden nicht anders gelebt haben, wie 90% der Bevölkerung
im damaligen Deutschen Kaiserreich.
Sie waren Bauern, häufig Kleinbauern, verdingten sich als Mägde und
Knechte. Ihr Alltag war mühsam. Der Zeitpunkt der Feldbestellung, die
Erntearbeiten, die Zulassung des Viehs auf den gemähten Wiesen oder
Stoppelfelder, die Nutzung der Brunnen und Wege, von Bach und Teich , von
Wald und die Eichelmast der Schweine war jahreszeitlich streng geregelt.
Die Rolle von Frau und Mann war festgelegt, man lebte in der Großfamilie
unter einem Dach, versorgte die Kranken und Alten. Standesunterschiede
waren unüberwindbar. Noch gab es keine Schule in Allendorf, deshalb konnten
die meisten Allendorfer kaum lesen und schreibem. Vielleicht erteilte der
Pfarrer im Winter Grundkenntnisse. Ansonsten hatten auch die
Kinder von früh bis spät ihre festen Pflichten in Haus und Hof. Den ganzen Tag
spielen – keine Chance.

Die Anzahl der Handwerker in Allendorf war in dieser Zeit noch ziemlich
übersichtlich:Wahrscheinlich gab es einen Schmied, Müller, Wagner,
Leineweber, vielleicht einen Kürschner, Korbflechter und Flachsbinder, aber
alle hatten noch eine Landwirtschaft.
Eine Abwechslung bot seit 1323 der Wochenmarkt am Mittwoch und der
sonntägliche Kirchgang, auch wenn man von der lateinischen Liturgie des
Gottesdienstes kaum etwas verstand.
Die Spinnstube im Winter bot den Frauen Möglichkeiten zum
Zusammenkommen.
Der tägliche Speiseplan war eher eintönig: Brot, Mehlspeisen und
Getreidegrützen, Milch, Eier, Käse, Obst und Gemüse nach Saison,
Geräuchertes und Gespökeltes aus dem Vorrat. Fleisch gab es bei den meisten
Familien allerhöchstens am Sonntag und an hohen Feiertagen.
Das Schlachtfest war ein wirkliches Fest für Jung und Alt.
Ansonsten prägten Sorgen und Ängste den Alltag. Die Allendorfer fürchteten
Naturkatastrophen, Missernten, Hungersnöte, Krieg, Überfälle,
Feuersbrünste, Plünderung, Krankheit und die Pest, die brachten Not und
Elend ins gesamte Dorf und in jede Familie.
Jedes dritte neugeborene Kind starb im ersten Lebensjahr, viele Frauen
überlebten die Geburt eines Kindes nicht. Die statistische Lebenserwartung lag
deshalb bei ca. 45 Jahren. Das heißt natürlich nicht, dass es in Allendorf
damals keine 60jährigen gab.
Noch eine Sorge quälte viele, nämlich die Angst vor dem, was den sündigen
Menschen nach seinem Tod erwartete: Fegefeuer und Höllenqualen.
Vor diesem Hintergrund kann man sich gut vorstellen, was sich die
Allendorfer 1370 gewünscht haben: Gesundheit und Frieden, einen gnädigen
Gott, eine gute Ernte und schließlich die Hoffnung, dass sie die Obrigkeit nicht
mit allzuhohen Diensten, Abgaben und Steuern belasten würde.
Das mit den Steuern und Abgaben hat sich ja in den letzten 6 Jahrhunderten
nicht grundlegend verändert.
Nun ja, an diesem Neujahrstag wussten die Allendorfer ja noch nicht, dass der
Landgraf ihnen in seiner unendlichen Güte im März ein großes Geschenk
machen würde. Mit der Verleihung der Stadtrechte würden sie nämlich für
sechs Jahre von bestimmten Abgaben und Diensten befreit werden.
Aber, wie das bis heute so ist, mit den Geschenken von ganz oben, 2 Wochen
nach der Verleihung am 14. März kamen dann, wie wir ja heute wissen, die
landgräflichen Auflagen:
Der Landgraf verfügte, dass die Stadt befestigt werden müsse, gebaut werden
mussten: eine Stadtmauer, Wallgräben, 2 Stadttore und vier Türme, damit
diese den Allendorfer und dem Markt Schutz bieten solle.
Mit der Burg Nordeck und der befestigten Stadt Allendorf, so das Kalkül
des Landgrafen, hatte er eine optimale Kontrolle über die Verbindungswege
von Amöneburg nach Mainz und von Marburg nach Grünberg. Er förderte
zwar die Infrastruktur in und um Allendorf, aber er hatte vor allem eigene

Machtinteressen. Mit der Verleihung der Stadtrechte
waren die Allendorfer nicht mehr den adligen Grundbesitzern ihrer
Gemarkung untertänig, sondern dem Landgrafen verpflichet, dessen Interessen
in Allendorf ein Rentmeister vertrat.
Das wäre ungefähr so, als würde Herr Bouffier und seine Mannschaft verfügen,
dass in Allendorf eine elegante Einkaufsmall mit allem Drum und Dran gebaut
werden soll, dafür werden den BürgerInnen dann für 6 Jahre die Grundsteuer
erlassen,die in das Stadtsäckel fließt, aber den Bau der Mall müssen sie selbst
finanzieren und auch die Wege, Straßen und das Schienennetz. Die Einnahmen
aus der Gewerbesteuer- die in der Einkaufsmall erwirtschaftet wird, ginge aber
direkt nach Wiesbaden. Wo das Geld dann großherzig als Geschenk oder sog.
Fördermaßnahme der Regierung weiterverteilt wird, obwohl es der Gemeinde
eigentlich sowieso zustände. Vielleicht hinkt der Vergleich ein wenig, aber sie
ahnen, was ich meine. Aber zuück zum Neujahrstag 1370 in Allendorf:
Am Nachmittag dieses Tages wissen die Allendorfer freilich noch nicht, was am
2. und am 14. März über sie verfügt wird. Transparenz über die Pläne des
Landgrafen gab es nicht, man hatte sie hinzunehmen und die Folgen zu
tragen. Ich erspare mir jetzt den Hinweis auf eventuelles gegenwärtiges
Handeln von Regierenden.
Wahrscheinlich saßen am Nachmittag dieses Neujahrstages einige Allendorfer
männlichen Geschlechts nach reichlichem Genuss von Bier, Wein und
Hochprozentigem mit hochroten Köpfen und schon ein wenig glasigen Augen in
der Dorfschänke schimpften über Gott und die
Welt, und diejenigen, die gerade nicht anwesend waren.
In den Häusern wurden Geschichten erzählt oder mit Nachbarn der neueste
Dorfklatsch breitgetreten und je nach Bedarf noch ein wenig dramatisiert,
damit die Neuigkeiten auch spannend genug erscheinen.
Dann wurde es Zeit für das Abendessen.Wenn das Vieh, die Kuh, die Schafe,
Ziegen und Hühner versorgt waren, kamen noch einmal Brot, Grütze,
Geräuchertes, Käse und Eier auf den Tisch, vielleicht noch ein Humpen Bier,
Wein oder Sauermilch. Bei den meisten war dies sicher nicht allzu üppig. Mit
Einbruch der Dunkelheit hieß es dann für die ganze Familie ab in die Koje
unter die Felle oder Strohsäcke, die Nacht wird bitterkalt. In der Hoffnung,
dass es das Jahr 1370 gnädig mit allen meint, schlummerten Jung und Alt ein,
und vielleicht träumten sie in dieser Nacht von Allendorf im Jahr 2020.
Brigitte Heilmann
07.02.2020